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    Messen statt Vorschreiben: Würdevoller Arbeitsschutz neu gedacht

    2026-01-28

    Deutschlands Stärke ist nicht, dass wir mehr Regeln haben. Es ist, dass wir glauben, Menschen verdienen Würde bei der Arbeit. Zumindest war das mal so (manche SPDler werden sich erinnern). Aber irgendwann werden Regulierungen zur Last. Nicht weil sie (glücklicherweise) Missbrauch verhindern, sondern weil sie gleichzeitig erschweren, dass echte Menschen wachsen.

    Ein Mittelständler, der seine Teams wirklich einbinden will, kämpft gegen ein Regelwerk, das für den schlimmsten Fall geschrieben wurde. Ein Startup, das anders organisiert sein will, braucht einen Anwalt. Ein Unternehmen mit echter dezentraler Führung muss immer noch so tun, als hätte es eine Hierarchie.

    Gleichzeitig sehen wir international, dass es andere Wege gibt. Nicht uneingeschränkt besser, aber anders.

    Da ist Schweden, wo Tarifverträge Normalität sind und Gewerkschaften statt Gerichte entscheiden. Wo es weniger administrative Strukturen gibt, dafür mehr Verhandlung. Wo Mitarbeiterbeteiligung durch Institutionen funktioniert, nicht nur Gesetze. In diesem Kontext ist mit Svenska Handelsbanken(opens in a new tab) eine der Musterschülerinnen für echte Dezentralisierung und Profit-Sharing entstanden.

    Aber es geht auch anders: Haier in China(opens in a new tab), die tausende kleine Micro-Enterprise-Teams haben, in denen Menschen selbst entscheiden, wer dazugehört (inklusive Chefs). Und auch Morning Star in Kalifornien(opens in a new tab) funktioniert ohne Manager und Mitarbeitende können zB ihre finanzielle Sorgfalt im Beruf ähnlich praktizieren wie im Privaten.

    Das sind nicht zufällig keine deutsche Modelle und sie zeigen: Es gibt verschiedene Wege, Menschen würdevoll zu behandeln und gleichzeitig zu wachsen.

    Könnten wir messen statt vorschreiben?

    Das Kündigungsschutzgesetz, das Betriebsverfassungsgesetz, die Regeln zu Befristung - sie alle schreiben vor, wie es auszusehen hat. Statt zu sagen "Du brauchst einen Betriebsrat mit dieser Struktur", könnten wir fragen: "Wie stellst du sicher, dass deine Mitarbeiter echte Mitsprache haben?".

    Abgesichert durch unabhängige Audits, Mitarbeiterbefragungen, dokumentierte Entscheidungswege.

    Wenn das nachweislich funktioniert, könnte eine Fabrik anders organisiert sein als ein Tech-Startup. Das würde Experimente erlauben. Dezentrale Teams, andere Rollen-Modelle, selbstorganisierte Strukturen. Alles unter Beobachtung und mit Konsequenzen, wenn es schiefgeht; und nur als Ausnahme von den heutigen Arbeitnehmerschutzgesetzen um diese um Böse Absichten oder Unfähigkeit im Zaum zu halten (welche es hoffentlich dann immer weniger geben wird).

    Also noch mal ganz explizit: Ich will nicht, dass die Schutzgesetze abgeschafft werden. Ich suche nur einen Weg, willigen Firmen Raum für Innovation zu geben, in welchem sie am Outcome (Würde) und nicht am Input (Design zur Einhaltung von Gesetzen) gemessen werden.

    Wenn ein Unternehmen nachweist, dass Menschen wirklich mitentscheiden (nicht nur formal, sondern faktisch), warum sollte es die gleichen Regeln spielen wie ein Betrieb mit tayloristischen Zügen? Das würde Unternehmen dazu ermutigen, es zu versuchen. Nicht (nur) aus Marketing-Gründen, sondern weil es auch wirtschaftlich Sinn macht.

    Das ist keine Schwächung von Arbeitnehmerschutz, sondern eine Stärkung - durch mehr Menschlichkeit und Wirtschaftsstärke. Weil Innovation nicht dort passiert, wo regulatorische Sicherheit herrscht. Sie passiert dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen können. Wo sie nicht nur befohlen werden, sondern mitgestalten.

    Wenn wir Unternehmensstrukturen innovieren – nicht kaputt machen, sondern neu denken – würden wir auch europäische Unabhängigkeit gewinnen. Nicht von den USA deregulieren lernen, sondern verstehen: Wir haben etwas, das andere nicht haben. Eine Kultur, die Menschen als Partner sieht (noch zumindest, die Ide(e)n des März verheißen ja nichts Gutes). Das ist unser Vorteil. Und genau das würde uns auch unabhängiger von außen machen.

    Über den Autor

    Kevin Rassner - Systemic Organizational Developer and Agile COO Coach in Heilbronn

    Kevin Rassner ist Experte für angewandte Organisationsentwicklung und begleitet Unternehmen bei Transformationsprozessen zwischen Strategie, Führung und Kultur. Er verbindet über zehn Jahre Führungserfahrung mit einem systemischen Blick auf wirksame Zusammenarbeit.