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    Warum Partnerschaften Rollen verhandeln und Arbeitsteams nicht: Was die Arbeitswelt von privaten Beziehungen lernen kann

    2026-02-03

    Warum Partnerschaften Rollen verhandeln und Arbeitsteams nicht: Was die Arbeitswelt von privaten Beziehungen lernen kann

    Der Ausgangspunkt

    Peter Koestenbaum und Peter Block stellen in ihrem Buch Confronting Our Freedom(opens in a new tab) fest: Rollen werden in modernen Organisationen zu häufig von außen vorgegeben, anstatt sie zwischen den beteiligten Menschen auszuhandeln. Das klingt für viele kontraintuitiv. Schließlich scheinen klar definierte Rollen das Fundament moderner Organisationen zu sein.

    Doch wer genauer hinschaut, erkennt ein tieferes Problem: Moderne Managementpraxis behandelt Menschen häufig wie Maschinenteile, anstatt sie als freie, verantwortliche Wesen anzuerkennen. Der Unterschied zeigt sich besonders deutlich, wenn man vergleicht, wie Partnerschaften funktionieren und wie Arbeitsteams organisiert werden.

    Das Missverständnis über Taylor: Von der Befähigung zur Kontrolle

    Um zu verstehen, wie die Arbeitswelt heute funktioniert, lohnt sich ein Blick auf Frederick Winslow Taylor und den Taylorismus. Hier beginnt ein verbreitetes Missverständnis.

    Taylor wird oft dargestellt als jemand, der Menschen als faul ansah und sie daher kontrollieren musste. Das ist eine Verfälschung der Geschichte. Taylors echtes Problem war anders: Anfang des 20. Jahrhunderts fand eine massive Umwälzung der Arbeitskräfte statt. Millionen verließen die Landwirtschaft und strömten in die Städte. Sie kamen als gescheiterte Bauern, als Nachkommen von Landarbeitern, die keine Perspektive mehr auf dem Land hatten. Hinzu kamen Immigranten aus Europa, viele Analphabeten, aus völlig anderen Arbeitskontexten stammend.

    Die Fabrikarbeit war chaotisch, unkoordiniert, unmöglich zu skalieren für diese heterogene Masse von Menschen, die nie handwerklich ausgebildet worden waren. Das war das Problem.

    Taylors Innovation war radikal: Er analysierte Arbeitsprozesse systematisch und standardisierte sie nicht, um Menschen zu kontrollieren, sondern um ungelernte Menschen schnell und effektiv einarbeiten zu können. Das war eine Form der Demokratisierung. Sein Pensumlohn-System bedeutete, dass Arbeiter höhere Löhne bekamen, wenn sie mehr produzierten. Das war ein Fortschritt gegenüber dem bis dahin üblichen Ausbeutermodell.

    Noch wichtiger: Taylors viertes Prinzip besagte, dass "Arbeit und Verantwortung sich fast gleichmäßig auf Leitung und Arbeiter verteilen" sollten. Seine Diagnose war nicht "Arbeiter sind faul", sondern "das Management trägt zu wenig Verantwortung, die Arbeiter tragen die Last". Sein Ziel war die Versöhnung zwischen misstrauischem Management und ausgebeuteten Arbeitern.

    Das Problem entstand in der Umsetzung. Später wurde Taylors Werkzeug zur Befähigung von Ungelernten zu einem Werkzeug ihrer Entmündigung. Die Trennung von Hand- und Kopfarbeit wurde zum Dogma. Monotone Spezialisierung, Akkordarbeit und ständige Überwachung führten zu Arbeitshetze, nicht zu Befähigung. Das ist das Erbe, das bis heute nachwirkt.

    Der Punkt: Der Taylorismus, wie er heute kritisiert wird, war nicht Taylors ursprüngliche Idee, sondern eine Verzerrung derselben.

    Die historische Alternative: Verhandlung statt Zuweisung

    Vor dem modernen Management gab es etwas anderes: Menschen verhandelten ihre Rollen.

    Ein Meister und sein Lehrling einigten sich auf gegenseitige Bedingungen. Ein Chef und sein Angestellter verhandelten, was geleistet wird und was dafür gezahlt wird. Diese Verhandlungen waren nicht immer fair, aber sie fanden statt. Sie waren Teil des Prozesses.

    Die moderne Organisationssoziologie hat diesen Gedanken wieder aufgegriffen. Das Konzept der "Negotiated Order" besagt, dass soziale Ordnung nicht einfach "da ist", sondern kontinuierlich durch Interaktionen zwischen Menschen hervorgebracht wird. Organisationen sind keine statischen Maschinen. Sie sind soziale Konstrukte, die ständig neu ausgehandelt werden.

    Die "Role Negotiation" Methode formalisiert diesen Prozess: Menschen in einem Team setzen sich hin und verhandeln offen, was sie voneinander brauchen, wo die Grenzen liegen, wo sie wachsen möchten. Das Ergebnis ist nicht eine vom Management herabgelassene Rollenbeschreibung, sondern ein gegenseitiges Versprechen.

    Wie Partnerschaften Rollen handhaben: Das Modell der Verhandlung

    Ein Gedankenexperiment verdeutlicht den praktischen Unterschied:

    In einer Partnerschaft: Ein Paar am Anfang einer Beziehung erkundet gemeinsam, wer sich um was kümmert. Welche Grenzen gibt es? Was funktioniert für wen? Der Prozess ist explorativ, basiert auf gegenseitigem Verständnis und kontinuierlicher Anpassung. Nicht auf vordefinierten "Rollen der Ehefrau" oder "echter Männlichkeit".

    In einem Arbeitsteam: Das Team bekommt zu Beginn eines Projekts eine RACI-Matrix, die vorschreibt, wer Responsible, Accountable, Consulted, Informed ist. Kein Raum für Verhandlung. Keine Möglichkeit, Grenzen zu erkunden. Die Rolle ist extern vorgegeben.

    Empirisch zeigt sich etwas Interessantes: Paare mit einer bewusst ausgehandelten Rollenverteilung berichten von 40 Prozent höherer Beziehungszufriedenheit. Sie haben Ownership, weil sie mitgestaltet haben.

    In der Arbeitswelt ist das Gegenteil der Fall. Nur etwa 60 Prozent der Arbeitnehmenden verstehen ihre Rollen klar. Das deutet darauf hin, dass diese Rollen nicht wirklich ausgehandelt worden sind, sondern auferlegt.

    Die existentielle Dimension: Freiheit und echte Accountability

    Hier wird es philosophisch. Koestenbaum und Block argumentieren, dass moderne Organisationen ein fundamentales Missverständnis haben: Sie denken, Accountability müsse auferlegt werden. Durch Ziele, Kontrollen, Konsequenzen.

    Das ist falsch. Accountability kann nicht auferlegt werden. Sie entsteht, wenn Menschen ihre Freiheit anerkennen. In dem Moment, in dem jemand versteht, dass er oder sie wählen kann, entstehen auch echte Konsequenzen für diese Wahl. Man wird für das verantwortlich, was man wählt.

    Das klingt abstrakt, hat aber massive praktische Implikationen:

    Ein System, das Menschen sagt "dein Job ist genau das und das", ohne dass sie mitgestaltet haben, erzeugt Entfremdung. Ein System, in dem Menschen ihre Rollen verhandeln und damit wählen, erzeugt echtes Ownership und Verantwortung.

    Die Ironie ist tiefgreifend: Paternalistische Systeme, die Menschen kontrollieren wollen, untergraben echte Accountability. Sie ermöglichen Menschen, vor ihrer Freiheit zu fliehen.

    Ein kritischer Blick: Wo leistet man wirklich bessere Arbeit?

    Hier liegt ein tieferes Paradoxon vor. Es wird oft angenommen, dass Menschen bei der Arbeit ihre beste Performance abliefern. Aber stimmt das wirklich?

    Betrachtet man das private Leben genauer, wird etwas deutlich: Menschen verwalten privat weitaus größere Geldbeträge als ihnen in der Arbeit zugetraut wird. Sie schenken Leben, kümmern sich um Angehörige bis zum Tod, treffen Entscheidungen von enormer persönlicher Tragweite. Sie operieren in ihrem privaten Bereich mit einer Verantwortlichkeit, die sie in der Arbeitswelt selten bekommen.

    Das ist paradox. Menschen werden in ihren besten Lebensbereichen zu freien, verantwortlichen Akteuren ermutigt. Wo sie die meiste Zeit verbringen, in der Arbeit, werden sie oft wie Rädchen in einer Maschine behandelt.

    Die eigentliche Frage stellt sich dann von selbst: Warum sollten Menschen in ihrem Arbeitsleben eine schlechtere Version ihrer selbst sein müssen als in ihrem privaten Leben?

    Rollenklarheit und Autonomie: Der Zusammenhang

    Das wirkt sich auf vieles aus. "Rollenklarheit" ist eines der am häufigsten gemessenen Konzepte in der Organisationspsychologie. Studien zeigen: Klare Rollen reduzieren Stress und Burnout. Das ist wahr.

    Aber es gibt auch etwas Interessantes: Autonomie hat einen puffernden Effekt. Wenn Menschen Autonomie haben, können sie auch mit weniger klaren Rollen umgehen.

    Das bedeutet nicht, dass Klarheit unwichtig ist. Aber es bedeutet: Klarheit, die gemeinsam verhandelt wurde, unterscheidet sich grundlegend von Klarheit, die auferlegt wurde. Die erste gibt Menschen Kontrolle. Die zweite nicht.

    In modernen Organisationen, die "human-centered leadership" praktizieren, sehen wir das konkret: Menschen werden ermutigt, ihre Rollen mitzugestalten. Sie werden gefragt, nicht angewiesen. Das erzeugt psychologische Sicherheit, Engagement und echte Accountability.

    Das RACI-Problem neu betrachtet

    Die Praxis der RACI-Matrix verdeutlicht das strukturelle Problem. In vielen Organisationen wird sie wie ein Naturgesetz behandelt: "Das ist deine Rolle, fertig."

    Aber echte Organisationen sind dynamischer. Menschen bringen unterschiedliche Fähigkeiten, Grenzen, Ambitionen mit. Diese zu ignorieren und einfach eine Matrix zu überlagern, ist tayloristisch in jenem Sinne, wie der Taylorismus später verstanden wurde: nicht als Befähigung, sondern als Kontrolle.

    Die Alternative: RACI als Startpunkt einer Verhandlung. "Hier ist das Projekt. Basierend darauf, wer wir sind, wer was gut kann, wie wollen wir das verteilen? Wo sind unsere Grenzen? Wo wollen wir wachsen?"

    Das ist aufwendiger als einfach eine Rolle zuzuweisen. Aber es ist die Differenz zwischen einer Arbeitswelt, in der Menschen sich wie Objekte fühlen, und einer, in der sie sich als Akteure erleben.

    Der praktische Unterschied: Erwartungen vs. Agreements

    Ein subtiler, aber wichtiger Unterschied: Erwartungen sind oft einseitig, nicht kommuniziert, nicht abgestimmt. Agreements sind explizit, zweiseitig, gegenseitig.

    Ein Manager erwartet, dass ein Bericht am Freitag da ist. Das ist eine Erwartung. Ein Manager und sein Mitarbeiter einigen sich darauf, dass der Bericht bis 16 Uhr Freitag mit spezifischem Umfang geliefert wird. Das ist ein Agreement.

    Wenn Erwartungen nicht erfüllt werden, entstehen Vorwürfe und Entfremdung. Wenn Agreements nicht erfüllt werden, können Menschen darüber sprechen, was schiefgelaufen ist. Es ist nicht persönlich. Es ist faktisch.

    Dieser Unterschied klingt klein, ist aber entscheidend. Er ist der Unterschied zwischen einer Kultur der Vorwürfe und einer Kultur der gegenseitigen Verantwortung.

    Warum die Logik in der Arbeitswelt anders ist

    Es gibt praktische Gründe für die Unterschiede zwischen Arbeitswelt und Privatleben:

    Skalierung: Bei Tausenden von Mitarbeitern lässt sich nicht alles neu verhandeln. Stabilität: Organisationen brauchen Struktur. Macht-Asymmetrien: Es gibt reale Machtunterschiede zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

    Aber diese Gründe rechtfertigen nicht "Rollen müssen extern vorgegeben werden". Sie bedeuten vielmehr "Rollen brauchen Struktur, aber Menschen sollten in dieser Struktur dennoch Mitsprache haben".

    Moderne Organisationen experimentieren damit konkret:

    Regelmäßige "Role Agreements" mit gegenseitigen Zusicherungen. Räume für "Rollen-Verhandlung" in Teams. Transparenz über Rollen, nicht als Geheimnisse, sondern als Grundlage für Verhandlung.

    Das existentielle Risiko des Paternalismus

    Koestenbaum und Block warnen vor einer versteckten Gefahr: Organisations-Paternalismus unterstützt Menschen darin, vor ihrer Freiheit zu fliehen. Es ist bequem, eine Rolle erfüllt zu bekommen, anstatt die Verantwortung für die eigene Wahl zu tragen.

    Diese Bequemlichkeit hat einen Preis. Sie erzeugt Abhängigkeit, Entfremdung, eine Mentalität der "Effektivität": Ich erfülle meine Rolle gut, aber es ist nicht meine Schöpfung.

    In Beziehungen, in denen Menschen frei sind, entsteht etwas anderes: echtes Ownership. "Das haben wir gemeinsam aufgebaut." Das ist psychologisch kraftvoller.

    Was sich konkret ändern müsste

    Wenn diese Analyse zutrifft, was ändert sich praktisch?

    Rollendesign sollte kooperativ sein. Nicht "Das ist deine neue Rolle", sondern "Wie können wir diese Aufgabe verteilen, basierend auf unseren Fähigkeiten und Grenzen?"

    Regelmäßige Rollenverhandlung. Nicht jedes Jahr neu, aber in regelmäßigen Abständen: "Funktioniert das noch für dich? Was müssen wir anpassen?"

    Klare Agreements statt impliziter Erwartungen. Was ist vereinbart? Was ist nicht vereinbart? Das sollte explizit sein.

    Psychologische Sicherheit im Verhandlungsprozess. Menschen müssen ihre Grenzen sagen können, ohne Konsequenzen zu fürchten.

    Leadership als Enabler von Verhandlung. Eine Führungskraft schafft Raum für diese Verhandlungen, anstatt sie zu blockieren.

    Fazit: Die Integration von Freiheit in die Arbeitswelt

    Die zentrale Frage ist nicht "Was ist die beste Performance in meinem Leben?" Das ist eine private Antwort. Die Frage ist vielmehr: Warum sollte die Arbeitswelt, wo Menschen die meiste Zeit ihres Lebens verbringen, die schlechtere Version ihrer selbst hervorbringen?

    Im privaten Leben handeln Menschen ihre Rollen aus, tragen Verantwortung für große Dinge, werden als freie Akteure behandelt. In der Arbeitswelt oft nicht. Das ist nicht unvermeidlich. Es ist eine Wahl, die Organisationen treffen.

    Koestenbaum und Block bieten keine Lösung, die alle Probleme beseitigt. Sie bieten etwas anderes: eine Rückbesinnung darauf, dass Accountability nicht durch Kontrollsysteme entsteht, sondern durch Freiheit. Dass Menschen bessere Leistung bringen, wenn sie ihre Rollen mitgestalten. Dass die beste Organisationskultur nicht auf Gehorsam basiert, sondern auf gegenseitigen Versprechen.

    Das ist unbequem. Es bedeutet mehr Verhandlung, mehr Komplexität, mehr echte Kommunikation. Aber vielleicht ist genau das, was der modernen Arbeitswelt fehlt.

    Über den Autor

    Kevin Rassner - Systemic Organizational Developer and Agile COO Coach in Heilbronn

    Kevin Rassner ist Experte für angewandte Organisationsentwicklung und begleitet Unternehmen bei Transformationsprozessen zwischen Strategie, Führung und Kultur. Er verbindet über zehn Jahre Führungserfahrung mit einem systemischen Blick auf wirksame Zusammenarbeit.